Erstens kommt es anders… Mein (langer) Geburtsbericht

Ist es eigentlich erlaubt den „richtigen“ Content mit einem gruseligen Klopper anzufangen? So einem TMI Post? Einem wo ich sagen muss, solltest Du schwanger sein, werte LeserIn, lies bitte jetzt nicht weiter, denn ich möchte nicht dafür verantwortlich sein, dass Du Angst bekommst? Denn das was mir passiert ist, ist eine ziemliche Ausnahme mit der man nicht rechnen konnte, und ich glaube, dass es besser ist das nicht im Kopf zu haben falls Deine Geburt noch bevorsteht. Ich hab natürlich noch andere Themen in der Pipeline, aber irgendwie ist die Geburt ja so das Basis-Erlebnis für den ganzen anderen Kram und deswegen wichtig.

Ich hatte eine ziemlich entspannte Schwangerschaft. Mann und ich haben beschlossen „es zu versuchen“– und es hat sofort geklappt. Anfangs gab es drei spannende Wochen in denen uns gesagt wurde dass wir lieber noch nicht von einer Schwangerschaft ausgehen sollen, da nur eine leere Fruchthöhle aber kein Embryo zu finden sei. Wie es sich herausstellte war Kind ein sogenannter „Eckenhocker“ d.h. er hatte sich an den Rand gedrückt, und das verrauschte US-Gerät meiner Ärztin vermochte nicht ihn zu finden. Danach war aber alles in Ordnung und die Schwangerschaft verlief ruhig und nach Plan. Die Purzelbäume oder Tritte in die Nieren, Leberhaken die andere werdende Mamas so erleben ‚dürfen‘ blieben mir erspart, denn Kind hockte munter weiter. Er war nämlich eine Beckenendlage solange es ging und die Tritte kamen immer rechts an der Bauchseite raus, was nicht unangenehm war. Drei oder vier Wochen vorm errechneten Termin hat er sich dann brav gedreht, also zumindest der Kopf war dann unten, der Rest war immer noch eher zusammengeklappt und die Füße zur Seite raus.

Ab dem 4. Monat etwa bin ich jede Woche in eine Schwangerschafts-Yoga Klasse gegangen (war total toll, mehr dazu ein Andermal), ca. sechs Wochen vor dem Termin habe ich zusammen mit Mann noch einen Wochenend-Geburtsvorbereitungskurs besucht, zusätzlich hab ich alles zum Thema gelesen was ich finden konnte, ich habe mich je näher der Termin kam eigentlich immer mehr darauf gefreut und mich sehr gut vorbereitet gefühlt. Yogisch gestählt und im Schnaufen geübt bin ich da ran mit der Einstellung, okay, dieses Kind atmen wir locker flockig raus, das wäre doch gelacht! Dass meine jüngere Schwester 3 Monate vorher ihr Baby eigentlich relativ problemlos in unter 7 Stunden auf die Welt befördert hatte und dass es auch sonst in der direkten Famile eigentlich nur unkomplizierte Geburtsverläufe gab hat mich noch mehr in dieser Annahme bestärkt. Meine Einstellung zu Schmerzmitteln unter der Geburt war „erstmal so lange wie möglich ohne und dann mal sehen“ aber nicht kategorisch ausschließen. So lange wie es geht so natürlich wie möglich.

Man sagt ja dass erste Kinder sich häufig Zeit lassen, und so war es dann auch bei uns. Der Termin kam und ging, es tat sich nichts und schlussendlich war ich zehn Tage drüber, als ich mich dann im Krankenhaus meiner Wahl zur Kontrolle vorgestellt habe (Meine Ärztin sagte Sie betreut nur bis eine Woche überfällig und übergibt einen dann an’s Krankenhaus). Dort wurde ein CTG geschrieben, das war normal, und dann ein Ultraschall gemacht bei dem herauskam dass Kind nicht mehr genug Fruchtwasser zur Verfügung hatte.

 

Mittwoch Nachmittag… CTG

Daraufhin wurde ich vor die Wahl gestellt ob ich a) direkt zur Einleitung dableiben oder b) am nächsten Morgen zur Einleitung wiederkommen wollte – da es bereits Mittwoch Nachmittags so gegen 4 war habe ich gedacht naja, also dann bleib‘ ich halt hier und wir legen direkt los, Ruhe krieg ich mit dem Wissen eh nicht mehr… Und wir haben uns ja darauf gefreut dass es nach der ganzen Warterei jetzt losgeht! Gesagt, getan – ich wurde also ans Langzeit CTG angeschlossen und bekam 1/4 Tablette Cytotec,  woraufhin erstmal außer einem ganz kurzen Abfall der Herztöne beim Kind sehr sehr sehr viele Stunden gar nichts passiert ist, so dass ich dann nachts den Mann verabschieden musste. Was ich mal so richtig doof fand. Ich hatte zwar so eine Art Einzelzimmer (die theoretische Nachbarin war im Kreißsaal), aber gut hat sich das auch nicht gerade angefühlt. Man liegt da in seinem unbequemen Bett und harrt der Dinge die da kommen mögen, ganz allein.  Alle Bücher und alle Kurse die man so liest und macht sagen einem, naja, dann gehen die Wehen irgendwann los und dann kann ihr Partner ihnen helfen sich zu entspannen, sie können sich gemeinsam fertigmachen für den Weg ins Krankenhaus oder Geburtshaus und irgendwann gehen sie dann zusammen los. ZUSAMMEN. Und ich? Mutterseelenallein im Krankenhausbettchen als die Wehen so gegen ein Uhr nachts anfingen. Kein Mann zum entspannen weit und breit, stattdessen gruselige Krankenhausgeräusche. Schreiende Babies und stöhnende Frauen und andersrum. Und ich mit Ohropax  versucht noch etwas Schlaf zu bekommen, was aber nicht wirklich funktioniert hat. Irgendwann die Nachtschwester gesucht und brav gemeldet dass ich jetzt Wehen habe. Gefragt ob ich Mann zurücktelefonieren dürfte. Nein, erst zum Frühstück (frühestens um 7). War aber ja noch lange nicht sieben. Ganz ehrlich, das waren mit die besch***ensten einsamsten Stunden meines Lebens. Alles verändert sich, ein neuer Lebensabschnitt ist dabei zu beginnen und man sitzt / liegt / weht da ganz allein vor sich hin– das ist mal RICHTIG doof. Und es tut ja auch weh. Tränen der Erleichterung als er dann um 6.30 kam. Sneaky Regelbrecher ;). Von da ab war die Stimmung erheblich besser und er hat mich den ganzen Geburtsverlauf total lieb unterstützt, meine Hand gehalten und mir ein Gefühl von Sicherheit gegeben.

Das war auch bitter nötig, denn obwohl die Wehen von Anfang an sehr regelmäßig alle 3 Minuten kamen und auch jeweils eine Minute lang waren, hat es leider sehr, sehr lange gedauert.

Insgesamt waren es etwas mehr als 24 Stunden. Ich war von ca. 5 Uhr morgens bis nach nachmittags um 3 auf den Beinen um zu veratmen und die Entwicklung voranzutreiben und bin gelaufen, gelaufen gelaufen.

Donnerstag 10:57 – ich laufe, veratme und töne seit ca. 6 Stunden

Bis ich nicht mehr laufen konnte. Dann gab’s irgendwann erst Buscopan, dann einen Tropf gegen die Schmerzen und ein paar Stunden später eine PDA- ein Segen, obwohl ich ja eigentlich gesagt hatte so wenig wie möglich…

Nachdem Kind ja sehr lange mit dem Po nach unten gelegen hatte, lag er, als er sich dann gedreht hat, leider mit dem Gesicht nach vorn. Diese Position, in der das Baby zwar mit dem Kopf nach unten aber mit dem Rücken zur Wirbelsäule der Mutter liegt nennt man auch Sterngucker – und bei Sternguckern kann es passieren dass sie sich nicht vernünftig ins Becken eindrehen können und die Geburt entweder sehr lange dauert, oder das Baby gar nicht runterrutschen will.

Unser Kind hat sich leider für Variante 2 entschieden. Nach knapp 24h Wehen hatte er sich immer noch nicht richtig gesenkt – obwohl die Fruchtblase bereits einige Stunden vorher geplatzt war (das  Fruchtwasser war leider dunkelgrün, was bedeutet dass das Baby is Fruchtwasser gek***t hat – das passiert bei Stress und bedeutet dass die Geburt danach wegen erhöhter Infektionsgefahr nicht mehr allzu lange dauern sollte). Außerdem war ich absolut am Ende meiner Kräfte, sämtliche Stellungswechsel und ärztlich angeordneten Pressversuche brachten rein gar nichts, und so fiel dann kurz nach ein Uhr morgens die Entscheidung zum Kaiserschnitt. Nie hätte ich gedacht mich einmal so über diesen Satz zu freuen. Ich war zu dem Zeitpunkt so erledigt dass ich  kaum von der Kreißsaalliege auf den Op-Tisch rübergekommen bin.

Anyways, so ein Kaiserschnitt geht ja dann ziemlich schnell und um 1:32 morgens war nach gehörigem Rumpeln im Bauchraum á la Misgav-Ladach-Methode dann der Moment gekommen und Kind war auf der Welt. Kerngesund, direkt zum bereitstehenden Kinderarzt (das ist bei grünem Fruchtwasser so, um Infektion auszuschließen) und dann in Papas Arme. Der erste Kontakt zu Mama wurde per Eskimokuß mit der Nase aufgenommen, ich lag ja noch da wie ein Käfer auf dem Rücken, mit Schläuchen in den Armen und hinter dem Tuch waren die Ärzte noch busy. Etwas zu busy. Da wurde es nämlich plötzlich ziemlich hektisch. Als geübte Krankenhausserien-Guckerin kam mir das doch etwas seltsam vor, also hab ich den Anästhesisten neben meinem Kopf gefragt was denn los sei, und der war tatsächlich so nett und hat für mich über den Vorhang gelinst und berichtet. Was war? Irgendwie ist wohl während der Wehen oder bei den Pressversuchen das Gewebe das die Gebärmutter in Position hält (läuft auch unter „Mutterbänder“) eingerissen, und zwar leider so sehr dass es ziemlich doll geblutet hat. So doll dass ich dann ganz schnell eine Vollnarkose bekommen musste, Mann und Kind aus dem OP nach nebenan gebracht wurden und dann ungefähr eine Stunde lang repariert wurde. Als ich wieder aufgewacht bin hatte ich insgesamt 2 Liter Blut verloren. Und Kind die ersten Stunden seines Lebens auf Papas Brust verbracht…sehr fortschrittlich. Bei den Gesprächen die wir vorher mal über male bonding hatten, hätte ich nicht gedacht dass es bei uns tatsächlich so sein würde dass der Papa das Kind über Stunden lang zuerst wärmt …

So hat das also angefangen. Von wegen, locker flockig rausatmen.

Freitag 04:37 … ich bin wieder wach und kann das erste Mal mein Baby im Arm halten

Und im Nachhinein? Gräme ich mich total, dass ich einen Kaiserschnitt hatte? Ohne Kaiserschnitt hätte man wohl die inneren Blutungen nicht oder erst viel später bemerkt und ich wäre vielleicht gestorben- also muss ich sagen dass der Eingriff meine Rettung war. Ich habe von vielen Frauen gelesen die sich hinterher um ihr natürliches Geburtserlebnis betrogen fühlen. So ging es mir zu keinem Zeitpunkt, ich war heilfroh dass mein Kind gesund ist und ich auch noch da bin! Allerdings war ich auch die ersten Tage und Wochen danach so geplättet dass ich gar nicht so richtig begreifen konnte was da passiert ist. Natürlich hatte ich am Ende so ziemlich alles an Eingriffen in den natürlichen Verlauf die man sich so vorstellen kann– und es wird eventuell absolute Hardliner und Verfechter des natürlichen Wegs geben die sagen, ja, hättest Du noch gewartet…hättest Du nicht einleiten lassen… Allerdings weiß man ja auch, nicht jede Geburt ist dazu bestimmt glatt zu laufen. Nicht jede Geburt geht grundsätzlich von Natur aus gut aus. Und ich hatte in der 42. Woche eben eine sehr sehr niedrige Fruchtwassermenge, noch keinerlei Anzeichen irgendwelcher Wehen und einen Bauch der sich partout nicht senken wollte. Und ja, wir haben wirklich alles ausprobiert um das vorwärts zu bringen, mal abgesehen von irgendwelchen gruseligen Alkohol-Rhizinusöl-Cocktails (warum trinke ich 9 Monate lang keinen Tropfen um mein Kind dann mit Promille aus dem Bauch zu scheuchen? Geht mir nicht ein).

Schade finde ich natürlich, dass ich mein Kind nicht direkt sehen und fühlen konnte, schleimig und noch mit Nabelschnur, weil es eben direkt vom Kinderarzt in Empfang genommen wurde. Schade finde ich auch, dass ich die Plazenta nicht gesehen habe, so diese ganzen gory Details die zu dem Erlebnis eigentlich dazugehören. Schade finde ich auch dass ich durch die Komplikationen sehr sehr schwach war und vieles nicht selbst machen konnte und durfte, noch bis zwei Monate nach der Geburt. Ich glaube auch dass es mir schwerer gefallen ist direkt eine innige Bindung zu meinem Kind aufzubauen, dass es ein langsamerer, gradueller Prozess war und ich erst als er mehrere Monate alt war so richtig, richtig verliebt war, auf eine Art und Weise die ich mir für mich und ihn schon eher gewünscht hätte.

Mir wurde hinterher eine Zeremonie angeboten, die Frauen und Kindern mit traumatischen Geburtserlebnissen helfen soll. Das ist so eine Art rituelles begleitetes Bad für Mutter und Kind, das quasi das traumatische Erlebnis mit einem Neuen ersetzen soll, so habe ich das zumindest nach Kurzrecherche verstanden. Ich habe mich dagegen entschieden. Ich bin zwar auch definitiv der Meinung dass mein Geburtserlebnis ziemlich traumatisch und less than optimal gewesen ist- allerdings empfinde ich es trotzdem als MEIN Geburtserlebnis. Der Tag der mir mein Kind gebracht hat. Das war harte Arbeit, an dem Tag und auch hinterher, und ich möchte das nicht mit etwas anderem überspielen. Auch wenn es länger gedauert hat mit der Bindung, ich stehe dazu, ich habe mein Kind von Anfang an geliebt (nur eben ohne den Endorphin-Rush den andere Mütter vielleicht haben), und ich bin jetzt an einem Punkt von dem ich sage es passt, und ich möchte nicht das Gefühl haben quasi wieder auf Null gehen zu müssen. Mal abgesehen davon, dass ich vom Kopf her wahrscheinlich eh nicht der Typ für eine solche Zeremonie bin, stehe ich zu dieser Geburt so wie sie eben war. Sehr anstrengend, sehr lang und ganz schön gruselig- mit einem knuffeligen, kerngesunden, total relaxten, hellwachen Baby als Ergebnis und der Bestätigung wie stark mein Körper eigentlich ist und was er (sie) alles aushalten kann und wie schnell so etwas verarbeitet wird. Das macht mich ziemlich stolz!

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One Comment

  1. Wundervoll geschrieben Kleine. Danke fürs Teilen!! Und ja, es ist EURE Geschichte, genauso wie sie war….aus eurem Bilderbuch. Mit soooo schönen Illus. 😍 Alles Liebe für eure kleine Familie, Elena

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